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2019-06-05 14:14

Freisinger Handicaps werden Seemänner 1. Klasse

Menschen lachen glücklich und zufrieden, das Schiff liegt nach einer Woche wieder unbeschadet im Heimathafen, das passt.

Zum zehnjährigen Jubiläum der Friedensflotte im Frühjahr bringen die Organisatoren der Friedensflotten Bayern und Salzburg 12 Schiffe mit mehr als 100 Teilnehmern aufs Wasser. Einrichtungen und gemeinnützige Vereine von Freising über Ebersberg und Salzburg bis nach Graz nehmen an der Segelflotte teil. Das erste Mal ist ein Freisinger Projekt unter der Fahne von Special Sailing e.V. dabei. Sechs besondere Menschen aus dem Landkreis Freising fieberten seit Wochen auf die Reise hin. Die extra für die Anreise dekorierten Fahrzeuge stellt das Autohaus Müller aus Achering kostenfrei zur Verfügung.

Nach der Schiffsübernahme durch die Skipper dürfen die betreuten Mitsegler auf „Ihre Hakuna Matata“, einer fast 17 Meter langen Segelyacht mit fünf Kabinen. Wir beziehen unsere Kojen. Und dabei beginnt auch schon das pädagogische Selbsterfahren im Sinne von Special Sailing. Unter dem Motto „Hilfe bekommt, wer Hilfe braucht“ unterstützen wir unsere Teilnehmer nur punktuell dort, wo sie Hilfe einfordern. Trotz des großen Schiffes ist der Stauraum begrenzt und ein systematisches Einräumen sehr hilfreich. Sehr wichtig ist uns bei Special Sailing die Selbstbestimmung an Bord. In den Vorbesprechungen sagten uns die Teilnehmer in speziell angefertigten Listen, natürlich in leichter Sprache und bebildert, was sie gerne essen und trinken möchten und dürfen. Anhand dieser Informationen erstellen wir gemeinsam unsere Einkaufsliste. Selbstverständlich sind beim Einkauf im Supermarkt dann auch ein paar Crewmitglieder dabei.

Das „bunkern“ der Lebensmittel und Getränke für eine Woche auf dem Schiff ist eine sehr bewährte Teambildungsmaßnahme. Bei dieser augenscheinlich unkomplizierten Aufgabe findet jeder seinen Bereich und ist sofort ein Teil der Gemeinschaft und somit wichtig für das Gelingen.

Ebenso wichtig sind die anschließenden Sicherheitseinweisungen. Ohne Kompromiss und doch mit der notwendigen Leichtigkeit passen alle Beteiligten die Rettungswesten individuell an. Der Hinweis auf die Selbstverwaltung der Rettungswesten gibt den Anwesenden zusätzlich Verantwortung und stärkt das Selbstwertgefühl. Anhand einer Checkliste können alle Mitsegler Ihre täglichen Aktivitäten notieren und am Ende des Törns in ihren Crew-Pässen festhalten.

Die Reiseroute sieht zwar eine Passage über die Kvarner Bucht zu den Inseln Losinj und Cres vor. Aber wegen des anhaltend schlechten Wetters bleibt die Flotte in der südlichen Region von Istrien.

Die Änderung der Reiseroute hat zudem den Vorteil, dass mehr Zeit für gemeinsame Aktivitäten bleibt. Unsere erste Etappe führt uns in den Nationalpark Brijuni. Dank der guten Kontakte der Organisatoren zu den Verantwortlichen von Brijuni dürfen wir die Schiffsliege- und Eintrittskosten halbieren.  Somit wird niemand ausgegrenzt und auch Crews mit kleinem Budget können diese Attraktion besuchen.

Uneingeschränkte Teilhabe ist ein sehr wichtiges Anliegen von Special Sailing. Und wenn man beobachtet mit welcher Freude und Begeisterung unsere Mitsegler Kontakt zu anderen Teilnehmern suchen, dann erkennt man den Wert dieser und ähnlicher Aktionen erst so richtig. Am Abend dann treffen sich die Flottenleiter zur Beratung, wie eine geänderte Wochenplanung aussehen könnte. An dieser Besprechung nimmt von jedem Schiff ein gewählter Vertreter der Betreuten teil, so können sie selbst erklären und mitbestimmen was sie an den Folgetagen unternehmen wollen. Das ist gelebte Selbstbestimmung.

Selbstbestimmung und Selbstverantwortung beinhaltet auch Pflichten. Mussten der Skipper und Projektleiter anfangs die Aufgaben an Bord noch zuteilen, so entwickelt sich im Laufe des Törns eine Eigendynamik, bei der die Betreuten die Aufgaben schließlich unaufgefordert selbst erledigen. Sie erfahren, dass jeder seinen Teil im Team dazu beitragen muss. Besonders auffällig ist diese Tatsache bei Mitseglern, die in ihrer gewohnten Komfortzone zu Hause oder im Wohnheim diese Tätigkeiten nicht oder nur widerwillig machen.

Stellvertretend einige Beispiele:
Eine an Land verunsicherte junge Frau hat Ihr Kochbuch mitgebracht und bekocht die zehnköpfige Crew. Da es allen sehr gut geschmeckt hat, erntet sie natürlich viel Lob. Keine Frage, wie stolz sie ist und welcher Schub Ihr Selbstbewusstsein dadurch bekommt.
Ein autistischer junger Mann, der teilweise in seiner eigenen Welt lebt, ist zuständig für die Musikauswahl. Das Abspielen seiner playlist und die damit erzeugte ausgelassene Stimmung an Bord helfen ihm, für einige Zeit seine geschlossene Welt zu verlassen.
Ein anderer Teilnehmer mit äußerst schwierigen Lebensumständen ist in dieser Segelwoche den ganzen Tag nur mit einem Lächeln im Gesicht zu sehen. Diese Beobachtungen bestätigen immer wieder den Sinn unserer Reisen. Mit jedem weiteren Tag verändern sich unsere Teilnehmer positiv. Sie sind spürbar zufriedener und selbstbewusster.

Als zur Wochenmitte der Regen nachlässt und die Sonne vorsichtig zum Vorschein kommt, steigt unsere erste Stegparty mit allen Teilnehmern der Flotte, Stadtbesichtigungen mit Eisessen in Rovinj und Pula. Beibootfahren und Schwimmen im 16 Grad kalten Meer stehen auf dem Programm. Delphine kommen zu Besuch und das Segeln bei Sonnenschein und im Trockenen macht auch gleich viel mehr Spaß. Das Schiff selbst steuern und Mithelfen bei den Segel- und Bootsmanövern gehen jetzt immer leichter von der Hand.

Bei einem letzten Abendessen im Hafenrestaurant verabschieden wir uns von dieser wunderschönen Segelwoche. Unser Projektleiter verteilt die oben schon beschriebenen Crew-Pässe und macht alle Mitsegler zu Seemänner 1. Klasse.

Das Erlebte und Gelernte tragen unsere Mitsegler weiter, ehrliche Teilhabe und eine echte Weiterentwicklung in ihrem Leben. Der angestrebte nachhaltige Mehrwert im Sinne der Friedensflotte und von Special Sailing ist wieder mal geschaffen.

 

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