MIRNO MORE 2019

„Ich kann so nicht arbeiten!“

Timo, unser nördlichster Mitsegler aus der Freien und Hansestadt Hamburg, sieht mich ein paar unendliche Sekunden lang einigermaßen genervt an und haut dann diesen Satz raus. Was war passiert?
Bei uns an Bord ist es normal, dass jeder Mitfahrer alle Aufgaben machen darf, wenn er sich dazu im Stande fühlt. Timo will an diesem sonnigen Nachmittag mal ans Ruder. Darf er, logisch. Also, ich rutsche zur Seite und mache Timo Platz am Steuer, natürlich bleibe ich konzentriert, wir wollen doch nicht, dass Timo irgendwo auf Grund läuft. Naja, Timo kommt zuweilen mal nach links mal nach rechts vom rechten Kurs ab. Ist ja kein Problem, auf offener See ist das alles korrigierbar. Also sag ich bei Bedarf ruhig aber bestimmt, „ein wenig nach Backbord“, „etwas mehr nach Steuerbord“ und so weiter. Ich meine es ja nur gut. Timo sieht mich von der Seite mit etwas zusammengekniffenen Augen an und sagt dann nur „Ich kann so nicht arbeiten“. Ich nehme ihn natürlich sehr ernst, zieh mich etwas zurück und lass ihn machen. Innerlich feiere ich ein Fest, ich könnte mich biegen vor Lachen. Timos Aussage ist genauso sensationell, wie „Ich bin behindert, nicht blöd, also behandle mich wie einen Erwachsenen“, was ich früher schon mal zu hören bekommen habe.
So müsst Ihr Euch die Zusammenarbeit auf unseren Schiffen in etwa vorstellen, auf Augenhöhe, manchmal sehr bestimmt und dann wieder freundschaftlich, zuweilen extrem lustig. Sätze wie die beiden brennen sich in Dein Gedächtnis und Du wirst sie ein Leben lang am Seglerstammtisch erzählen müssen.

Die Friedensflotte mirno more 2019 sieht uns erstmals mit DREI Booten am Start. Wir fahren in Kooperation mit dem Projekt Freising, mit dem Caritas-Zentrum St. Vinzenz aus Ingolstadt und unserem ersten selbst gecharterten Boot. Auf diesem Schiff fahren Einzelpersonen mit, die sich wie auf einem Chartertörn üblich erst mal beschnuppern und kennenlernen müssen. Sicher, es ist ein Experiment, vielleicht auch ein Wagnis, aber die Anfragen ermutigen uns zu diesem Schritt. Und es wird ein Riesenerfolg. Die Stimmung auf den Booten ist fantastisch, wir erleben wunderschöne Segeltage, haben riesigen Spass in den Badebuchten und erleben bei der 25. Jubiläumsflotte ein tolles Friedensfest mit über 1.200 Teilnehmern aus zig Ländern. Natürlich gibt es auf allen 3 Booten die ein oder andere kleine Krise, nicht jeder ist immer mit allem einverstanden. Aber unser Bordleben soll ja auch ein Stück weit Lebensrealität widerspiegeln. Zu lernen, unterschiedliche Vorstellungen zu haben, darüber zu sprechen und sich manchmal entgegen dem eigenen Willen einer demokratischen Mehrheit zu beugen, auch das lernen wir bei uns an Bord.

30 sehr zufriedene Menschen kommen nach einer tollen Segelwoche mit vielen neuen Eindrücken und Erfahrungen zurück und fragen noch beim Auspacken der Busse „Wann geht´s wieder los?“. Alles richtig gemacht, wie´s aussieht.

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